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12. Juni 2010: AfB: Inklusion – Rechte müssen Wirklichkeit werden

Die gut besuchte Veranstaltung begann um 11 Uhr mit der Begrüßung durch die schulpolitische Sprecherin der SPD Landtagsfraktion Frauke Heiligenstadt und einem Grußwort des Hausherrn, Christoph Walther. Die stellvertretende AfB-Landesvorsitzende, Jutta Liebetruth, führte das interessierte Publikum mit einem kurzen Beitrag in das Thema der Veranstaltung ein. Sie betonte dabei die in jedem Menschen seit seiner Geburt innewohnende Würde und das jeder Mensch ein Recht auf den Schutz durch die Gesetze

der Gesellschaft hat und das es keine Diskriminierung Benachteiligter geben dürfe.

Im Anschluss an diese mahnenden Worte hat Professor Dr. Klaus Klemm aus Essen ein Referat gehalten, das sich wie folgt gegliedert hat:

1. Von der Hilfsschule zur Inklusion – Ein historischer Überblick
2. Exklusion und Inklusion – Wo stehen wir heute?
3. Empirische Befunde zu den Wirkungen gemeinsamen und getrennten Unterrichts
4. Der Weg

Im ersten Teil seines Referats hat Prof. Klemm die historische Entwicklung von der Beschulung von förderbedürftigen Kindern und Jugendlichen aufgezeigt. Danach war die Exklusion am Anfang des 20.Jahrhunderts das Leitprinzip der damaligen Schulpolitik. Dieses Prinzip wurde bis in die 80er Jahre aufrecht erhalten. Erst in dieser Zeit gab es Kritik an der exklusiven Beschulungsform und mit Blick auf die skandinavischen Nachbarn wurde der Ruf nach Integration lauter.
Die KMK richtete sich dann schließlich 1994 in Richtung Inklusion aus. Es dauerte weitere Jahre, bis am 26.März 2009 eine UN-Konvention auch in Deutschland in Kraft trat, die eine inklusive Beschulung aller Schülergruppen vorschreibt.

Im zweiten Teil seines Referats hat Herr Prof. Klemm anhand von Zahlen eine Standortbestimmung vorgenommen. Danach ergibt sich im Bundesländervergleich bei der Förderquote eine Spanne von 4,5% (Niedersachsen) bis zu 11,7% (Mecklenburg-Vorpommern). Es ist ferner ein deutliches Ost-West-Gefälle zu erkennen. Bei der Quote der Inklusion ergibt sich eine Spanne von 6,6% (Niedersachsen) bis zu 41,9% (Schleswig-Holstein).

Im dritten Teil seines Referats ging Prof. Klemm auf einige empirische Befunde bezüglich gemeinsamen und getrennten Unterrichtes ein. Danach ist die Überweisung einer Schülerin/eines Schülers in eine Förderschule fast ausschließlich eine Einbahnstraße. Ein Weg zurück in das Regelschulsystem ist fast ausgeschlossen. Es gibt hier keine Durchlässigkeit! Achtzig Prozent aller Förderschüler, die keinen Hauptschulabschluss schaffen, machen keine berufliche Ausbildung, weil sie keinen Ausbildungsplatz bekommen.

Im letzten Abschnitt seines Referates stellte Prof. Klemm noch einige Fragen in den Raum, die den weiteren Weg der Inklusion betreffen:
- Wie hoch sollte eigentlich der Anteil förderbedürftiger Schüler in einer Klasse sein?
- Wie hoch darf die Gesamtanzahl der Schüler in einer solchen Klasse sein?
- Wie viele Pädagogen sollten in einer solchen Klasse unterrichten?
Zu diesen Schlüsselfragen gibt es bis heute keine belastbaren Daten oder Untersuchungen!

Am Schluss hielt Prof. Klemm noch zwei Plädoyers:
1. Es sollte zukünftig eine budgetierte Zuweisung von Ressourcen stattfinden.
2. Doppelstrukturen im Bildungssystem sollten aufgelöst werden, da sie zu teuer sind.

Im Anschluss an dieses Referat berichtete Frauke Heiligenstadt vom Diskussionsstand zu diesem Thema in der Landtagsfraktion. Danach soll ein Diskussionspapier erstellt werden, nachdem auch externe Gruppen und auch Betroffene mit in die Diskussion einbezogen worden sind. Bisher gibt es zu dem Thema Umsetzung der Inklusion noch keine abgestimmte Gesamtmeinung in der SPD-Landtagsfraktion.

Bisheriger Konsens besteht in den Punkten:
- Inklusion in Schulen, KITAs und Krippen soll ein Rechtsanspruch für jede Kind sein!
- Erstellung eines Aktionsprogramms, das den Weg zur Inklusion verbindlich aufzeigt.
- Bei der Lehrerausbildung für alle Schulformen soll der Baustein „Sonderpädagogik“
verbindlich sein.
- Behindertengerechte Ausgestaltung aller Einrichtungen.
- Sonder- und heilpädagogische Ressourcen sind bedarfsgerecht zur Verfügung zu stellen.
- Entwicklung eines individuellen Förderplans für alle Kinder.
- Veränderungen an den didaktisch/methodischen Ansätzen des Lehrens.

Noch keinen Konsens besteht in den Punkten:
- Sollen die Förderschulen komplett aufgelöst werden?
- Einbindung der Schulträger, wer trägt welche Kosten?
- Benötigen wir ein kommunales Förderprogramm zur Entlastung der Schulträger?

Fazit von Frauke: Wir müssen jetzt anfangen!!!!!

Im Anschluss gab es noch eine rege Diskussion der Zuhörer und Frauke hat interessiert alle Beiträge aufgenommen, um sie dann auch in das Diskussionspapier der Landtagsfraktion einfließen zu lassen.

Der AfB Landesvorsitzende, Peter Befeldt, gab noch eine kurze Zusammenfassung der Veranstaltung und beendete diese pünktlich, weil im Anschluss der Landesausschuss der AfB tagte und sich auch dort mit vielen Anträgen zum Thema Inklusion zu befassen hatte.

Eine gelungene und informative Veranstaltung, die öffentlichkeitswirksam war und zeigte, dass die SPD beim Thema Inklusion noch die Meinungsführerschaft besitzt.

Thomas Bechinie, stellvertr. Vorsitzender der AfB Region Hannover

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